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Erinnerungen an eine Geächtete

Verfasser: Winfried Schendel Berlin, 24.05.2012, 18:52 Uhr
Kommentar: +++ Kunst, Kultur und Musik +++ Bericht 4701x gelesen
Modigliani-Zeichnung Anna Achmatowas (1911)
Modigliani-Zeichnung Anna Achmatowas (1911)  Bild: wikipedia/alle Rechte frei

Berlin [ENA] Die Dichterin Anna Achmatowa und die Autorin Nadeschda Mandelstam verband eine vierzigjährige tiefe Freundschaft. In ihrem tief bewegenden Buch „Erinnerungen an Anna Achmatowa“ schildert Nadeschda Mandelstam das Leben dieser bedeutenden russischen Lyrikerin des „silbernen Zeitalters“.

Diese Erinnerungen sind ein einzigartiges Zeitdokument des Kampfes zwischen Geist und Macht während der stalinistischen und nachstalinistischen Ära. Nadeschda Mandelstam, Witwe, des im Gulag umgekommenen Dichters Ossip Mandelstam, bezeichnete diese Zeit, nach dem Titel ihrer 1971 erschienenen Autobiografie „Jahrhundert der Wölfe“. Das im Suhrkamp Verlag erschienene Buch, als Ergänzung ihrer Erinnerungen an ihre langjährige Freundin Anna Achmatowa, ist ein bewegendes Dokument über das Leben und Schicksal zweier Frauen, und die Bedeutung von Kunst in Zeiten geistiger Armseligkeit.

Diese, durch nichts zu erschütternde Freundschaft, gründet auf einem klaren Bekenntnis zu wahrer Dichtung, als Widerstand gegen die geistlose Zerstörung jeglicher Sittengesetze, und dem anmaßenden Anspruch einer, auf brutaler Macht basierenden verlogenen Ideologie. Als Preis für diese geistige Auflehnung, oder „biografische Konsequenz“ wie Nadeschda Mandelstam es ausdrückt, mussten die Frauen mit Armut, Verbannung, Elend und Heimatlosigkeit bezahlen.

Doch weder die Erschießung ihres erster Mannes, Nikolaj Gumiljow, als angeblichen Konterrevolutionär im Jahre 1921, noch die ständige Sorge um ihren Sohn Lew, der mehrmals verhaftet und viele Jahre im Lager verbrachte „als Geisel damit sie nichts Falsches schrieb“ wie Anna Achmatowa es einmal bezeichnete, konnten ihre Widerstandskraft nicht brechen. Viele Jahrzehnte lebten Nadeschda Mandelstam und Anna Achmatowa als Ausgestoßene und Geächtete. Im Jahre 1956 beschrieb es Achmatowa mit deutlichen Worten: „ Nicht mit der Leier des Verliebten gehe ich das Volk verlocken – die Klapper des Aussätzigen singt in meiner Hand! Wartet, ihr staunt Euch noch satt, heulend und fluchend!

Ich bring allen Mutigen bei, vor mir zurückzuschrecken. Ich habe keinen Gewinn gesucht und keinen Ruhm erwartet, ich habe die ganzen 30 Jahre unter dem Flügel des Unheils gelebt.“ In den vielen Jahren des stalinistischen Terrors, machte diese befreiende Lyrik den Menschen Mut. In den 1960er Jahren, sammelte sich um Anna Achmatowa ein Kreis junger Leningrader Dichter; unter ihnen auch der spätere Literaturpreisträger Joseph Brodsky. Nadeschda Mandelstam gelingt es in diesen Lebenserinnerungen, diesem, dem totalitaristischen Massenwahn verfallenem 20.Jahrhundert, eine ethisch und moralisch befreiende Grundposition entgegenzustellen.

Anna Achmatowa und Nadeschda Mandelstam sind die unbeugsamen Repräsentantinnen jener Menschen, die sich den freiheitlichen Grundwerten und der Menschenwürde verpflichtet fühlen. Aber ihr Schicksal hat auch an ihnen seine Spuren hinterlassen. Oft waren sie unduldsam, hart und rechthaberisch im Umgang mit anderen Menschen. „ Niemand auf der Welt ist tränenloser, hochmütiger und einfacher als wir“, beschrieb Nadeschda Mandelstam diese, ihrem harten Leben geschuldeten Wesenszüge einmal.

Es ist ein mit vielen eindrucksvollen Fotos gestaltetes Buch. Auch wenn es sich vor allem an die Bewunderer und Kenner dieser verschwundenen russischen Dichterwelt richtet, ist es aber auch für die heutige Generation der Literaturfreunde ein lesenswertes Buch. In einer Zeit, in der Konsum und Freiheit, aber auch die Beliebigkeit im sozialen Miteinander, zu den Selbstverständlichkeiten zählen, ist dieses Buch, das die Erhabenheit und die Widerstandskraft der Dichtung, gegen die Unfreiheit und Gewalt des Totalitarismus beschreibt, eine ermutigende Kraftquelle.

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